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Die Verhauptwörterung

Die Nichteinladung des Präsidenten geschah ja nicht in Verfolgung von Absichtlichkeit ...

 
«Die Nichteinladung des Präsidenten geschah ja nicht in Verfolgung von Absichtlichkeit, sondern wurde durch Nichtbeachtung bei der Pendenzenerledigung infolge einer Terminüberlappung zur Erledigung gebracht», wehrte sich Nationalrat Sturzenegger tapfer.

Der Interviewer war bemüht zu folgen: «Sie meinen, Sie haben vergessen, ihn einzuladen?»

«Äh genau.»

«Hm. Aber dann fehlt ja die Hauptperson. Dann können Sie das Fest gleich absagen!»

«Nun ja, sehen Sie, die Eventualmöglichkeit einer Sichzurverfügungstellung des Präsidenten als Generalversammlungsreferent hätte Signalfunktion für die Praktizierung von mehr Bürgernähe unseres Vereins zum Ausdruck gebracht, wohingegen ich bei einem präsidentenmässigen Nichterscheinen zur Durchführbarkeit dieses Lösungsweges nun kaum mehr eine Möglichkeit sehe. Ich denke deshalb, die Stattfindung des Anlasses kann tatsächlich nicht erfolgen.»

Viele, viele bunte Hauptwörter vermitteln den Eindruck grosser Genauigkeit. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich allerdings meist als Verschleierungstaktik. Der Hauptwörterei verdanken der Amtsschimmel und weitere Bürohengste ihre Existenz. Wenn sie wiehern, liegt nach Aushebung einer Vertiefung für den Urheber ein Stürzen im Bereich des Möglichen. (Wer andern eine Grube gräbt, fallt selbst hinein.) Und die Nachholung der Aneignung von Kenntnissen, deren Erwerb in der Zeit der Jugend einer Verabsäumung unterlag, wird zu einem Unterfangen der Unmöglichkeit. (Was Hänschen nicht lernt ... )

Das Verb dagegen zwingt zur Genauigkeit. Es sagt, wer was wie getan hat. Wenn dagegen die Erfordernis einer Preisanpassung zur Durchführung gelangt (das Brot wird teurer) oder die Indiewegleitung einer Fürerledigterklärung der Zurruhesetzung Hugentoblers in die Vernehmlassung geschickt wird (Hugentobler soll pensioniert werden), brechen wir der Sprache das Rückgrat: Die armen Verben können die überladenen Sätze gar nicht mehr tragen. Aber in einer Zeit, in der Dinge angehäuft werden, häufen sich eben auch die Dingwörter. In einer verwalteten Welt waltet halt auch die Sprache der Verwaltung ...

Der Journalist lernte übrigens rasch. Er bedankte sich am Ende des Interviews - nicht etwa für das Gespräch, sondern für «die verbalmündliche Textproduktion von Seiten Herrn Nationalrat Jacques Sturzeneggers».

Sprachbeobachtung No 14 aus "staatsexamen" von Beat Gloor


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